Im Sommer stand plötzlich das Gemeindezentrum im Wermelskirchener Ortsteil Neuenhaus in Flammen. Ein technischer Defekt. Sechs Menschen im Kirchenasyl verloren an diesem Morgen ihr sicheres Dach über dem Kopf. Aber dann rückten die Gemeinden im Bergischen Land zusammen – und fanden Lösungen.
Das kleine Mädchen im Strampler blickt lachend durch den Raum. Vor vier Monaten kam es in einem kleinen Zimmer im Stephanus-Gemeindezentrum in dem Wermelskirchener Ortsteil Neuenhaus zur Welt. Hier hatte seine Mutter auf der Flucht Schutz im Kirchenasyl gefunden. Und hier tat das kleine Mädchen nach seiner Geburt den ersten Atemzug. Wenige Wochen später stand die Mutter mit dem Neugeborenen in den Armen vor dem brennenden Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Hilgen-Neuenhaus . Ein technischer Defekt hatte ein Feuer ausgelöst. Sechs Menschen im Kirchenasyl mussten aus den Räumen im Untergeschoss fliehen. „Das war für viele dieser Menschen wie eine Re-Traumatisierung“, sagt Maria Bückendorf, die sich in der Gemeinde ehrenamtlich um die Menschen im Kirchenasyl kümmert.
Gemeinden aus dem Umkreis helfen nach Brand beim Kirchenasyl
Die sicheren Räume, die ihnen Zuflucht gegeben hatten, standen in Flammen. Und schnell wurde klar: Die Räume würden so schnell auch nicht wieder bezogen werden können. „Das war für uns alle ein großer Schock“, sagt Maria Bückendorf. Die Menschen im Kirchenasyl fanden erst mal einen Unterschlupf im angrenzenden Pfarrhaus. „Und dann haben wir im Kirchenkreis nach Unterstützung gerufen“, erzählt Dorothea Hoffrogge. Die Feuerwehr sicherte noch die Räume, als die Ehrenamtlichen bereits händeringend nach einer Lösung für die Menschen im Kirchenasyl zu suchen begannen. In keiner anderen Gemeinde im Kirchenkreis lebten Menschen im Kirchenasyl, viele hatten noch keine Erfahrung mit der besonderen Schutzform.
„Aber schon wenige Augenblicke nach unserem Hilferuf erreichten uns die ersten Anrufe“, sagt Dorothea Hoffrogge. Nicht nur, dass die Menschen aus der Nachbarschaft Hilfsgüter zusammentrugen. Die Evangelische Kirchengemeinde Wermelskirchen bot ihr Gemeindehaus in Hünger für den Übergang an. Gemeinden aus Köln meldeten sich und boten Unterstützung an. „So fanden wir eine Lösung für den Moment“, sagt Dorothea Hoffrogge.
Gemeinde in Remscheid ist das Thema Kirchenasyl nicht fremd
Rund drei Monate später lebt die junge Mutter mit ihrem Säugling in einer Gemeindewohnung in Remscheid. „Hier geht es mir gut“, sagt die junge Mutter leise und deckt den Tisch mit Köstlichkeiten, die sie gerade zubereitet hat. Über die Brandnacht spricht sie nicht mehr. Aber in der Gemeindewohnung ist sie wieder zur Ruhe gekommen. Genau das hatte sich die Evangelische Kirchengemeinde in Remscheid gewünscht, als sie der kleinen Familie den Zufluchtsort anbot. „Ein Baby, das unter dem Glockenturm in Neuenhaus geboren wurde, und eine Familie in Not“, sagt Pfarrer Martin Rogalla, „da wollten wir einfach helfen – aus Nächstenliebe und aus geschwisterlicher Verbindung zur der Gemeinde in Hilgen-Neuenhaus.“ Außerdem hatten die Remscheider auch schon selbst Erfahrungen mit Kirchenasyl gemacht. Das Thema sei ihnen zumindest nicht fremd gewesen, sagt Rogalla.
Also machten sich die Akteure des zuständigen Ausschusses auf die Suche nach einer praktikablen Wohnlösung – und wurden fündig. Die Remscheider Gemeinden sind in den vergangenen Jahren zu einer Gemeinde zusammengewachsen. „Wir haben also viele Räumlichkeiten“, erklärt Rogalla. Ein altes Küsterhäuschen, das nicht mehr genutzt wurde, bietet nun der Familie ein Dach über dem Kopf. Dank der „Arbeit Remscheid GmbH“, deren Gesellschafter das Diakonische Werk im Kirchenkreis Lennep ist, konnte im Möbellager schnell für eine Möblierung der Wohnung gesorgt werden. Aus einem alten Pfarrhaus wurde eine Küche installiert. „Innerhalb von zehn Tagen war die Wohnung bezugsfertig“, erzählt Pfarrer Rogalla.
Kirchenasyl ist mit Auflagen verbunden
Einen Beschluss der Kirchengemeinde Remscheid über die Einrichtung des Kirchenasyls brauchte es nicht: Denn das Kirchenasyl gibt weiterhin die Evangelische Kirchengemeinde Hilgen-Neuenhaus. Maria Bückendorf und ihre Familie und auch Dorothea Hoffrogge aus der Gemeinde besuchen die Familie regelmäßig. Ein Ehrenamtlicher aus Neuenhaus kommt einmal in der Woche zum Sprachunterricht. „Wir stellen nur den kirchlichen Schutzraum zur Verfügung“, erklärt der Remscheider Pfarrer. Dabei blieb es allerdings nicht: Denn inzwischen besucht auch ein Mitarbeiter des Diakonisches Werks des Kirchenkreises die Familie einmal in der Woche, holt eine Einkaufsliste ab und erkundigt sich nach Problemen oder Fragen. „Wir freuen uns immer über Besuch“, sagt die Familie. Denn zuweilen wird es im Kirchenasyl einsam – das Haus verlassen darf hier niemand. „Aber wir sind froh, dass wir uns haben und in Sicherheit sind, und wir mögen diesen Ort“, sagt die Mutter und freut sich über das Lachen des kleinen Mädchens auf ihrem Arm.

Die Kirchengemeinde in Remscheid will nun in den nächsten Monaten beraten, ob sie künftig selbst Menschen Kirchenasyl anbieten kann und will. Pfarrer Rogalla hat aber schon jetzt eine wertvolle Erkenntnis gewonnen: „Als neu zusammengewachsene Gemeinde haben wir in wenigen Tagen eine Heimat für Menschen in Not geschaffen und auch die Versorgung sichergestellt. Das war für mich eine tolle Erfahrung.“
Auch die Gemeinde in Burscheid hilft
Ein paar Kilometer weiter, am anderen Ende hinter der Wermelskirchener Stadtgrenze, hat noch eine weitere Gemeinde ihre Türen für die Menschen im Kirchenasyl geöffnet: Im Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Burscheid in Hilgen haben zwei junge Männer einen Gruppenraum unterm Dach bezogen. „Es ist schön hier“, sagt einer von ihnen. „Wir helfen in der Gemeinde“, erzählt er. Aufräumen, Spülen, Tee und Kaffee kochen: Die beiden bringen sich ein, wo sie können. Wer heute in das Gemeindezentrum kommt, spürt diese besondere Gastfreundschaft, für die die beiden sorgen. Und wenn es ruhig wird im Gebäude, dann spielen sie Kicker oder freuen sich über den Deutschunterricht, den ein Ehrenamtlicher aus Wermelskirchen gibt. Denn auch für die beiden Männer in Burscheid ist weiterhin die Evangelische Kirchengemeinde Hilgen-Neuenhaus zuständig. „Wir kaufen ein und besuchen die beiden regelmäßig“, erzählt Maria Bückendorf. Und immer dann, wenn Fragen, Unsicherheiten oder Probleme auftauchen, wissen die beiden Männer, wo sie sich melden können. Die übrigen Gäste des Kirchenasyls, die bei dem Brand für einen Moment lang obdachlos wurden, haben den besonderen Schutzraum übrigens inzwischen verlassen und einen Asylantrag stellen können.

„Wir sind sehr froh, dass sich in der Region nach dem Brand offene Türen gefunden haben“, sagt auch Volker Groß, Presbyteriumsvorsitzender der Gemeinde Hilgen-Neuenhaus. „Ich habe das Gefühl, wir sind alle etwas enger zusammengerückt.“ Das gilt für das Kirchenasyl, aber auch für viele andere Bereiche. Denn das Gemeindehaus in Neuenhaus kann fürs Erste nicht genutzt werden – eine komplette Sanierung ist nötig, um die Brandgase loszuwerden. „Wir hoffen, dass wir Weihnachten zurückkommen können“, sagt der Presbyteriumsvorsitzende. Bis dahin finden die Gottesdienste draußen im Zelt statt. „Und unsere Gruppen haben zum größten Teil vorübergehend Unterschlupf in anderen Gemeindehäusern gefunden“, erzählt Volker Groß. Der Posaunenchor probt im Gemeindezentrum Hilgen-Dünweg. Die katholische Gemeinde in der Nachbarschaft hat ihre Kirche angeboten, falls mal ein Gottesdienst nicht im Zelt stattfinden kann. Im benachbarten Wermelskirchener Ortsteil Tente sind einige Gemeindegruppen untergekommen. Er glaube auch, dass der Regionenprozess, für den sich vier benachbarte Gemeinden auf den Weg gemacht haben, durch diese Zusammenarbeit noch einen zusätzlichen Schub bekommen habe. Und viele Gemeinden – evangelisch, katholisch und freikirchlich – haben in den vergangenen Wochen Kollekten für die Freunde in Neuenhaus gesammelt. Drei Monate nach dem Brand im Gemeindehaus stellt Volker Groß berührt fest: „In dieser schlimmen Situation sind wirklich gute Dinge entstanden.“