Reformation der Ökumene

  • Nr.
  • 30.10.2020
  • 6413 Zeichen
  • Ekkehard Rüger
  • Pfarrgemeinde St. Nikolaus, Angelika von Leliwa

Der Neuanfang sollte den Evangelischen so leicht wie möglich gemacht werden: „Wir freuen uns auf euch!“, war auf dem Banner an der katholischen Kirche St. Pius X. in Krefeld-Gartenstadt zu lesen, daneben eine Art Wohnungsanzeige mit der Aufschrift „WG-Zimmer frei. Lukas und Pius bieten Raum für DICH (m/w/d)!“ – und zum Abschluss noch der Satz: „Die Pfarrgemeinde St. Nikolaus grüßt die Schwestern und Brüder der Lukaskirche“. Denn diese protestantischen Schwestern und Brüder sind seit dem 6. September dieses Jahres Mitbewohner und Mitnutzer der katholischen Kirche und des benachbarten Gemeindezentrums. Es nennt sich seither „Ökumenisches Gemeindezentrum Gartenstadt Pius-Lukas-Kirche“.

Vereinbarungen mit den Bistümern Essen, Münster, Aachen und Trier

Drei Jahre zuvor: In Deutschland wird 2017 der Thesenveröffentlichung Martin Luthers in Wittenberg und des Beginns der Reformation vor 500 Jahren gedacht. Begleitet wird das Festjahr von zahlreichen ökumenischen Initiativen. Eine davon: ein „Ökumenischer Brief an die Gemeinden des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Bischofs von Aachen“, unterzeichnet auf der Reformationssynode in Mönchengladbach-Rheydt am 2. September 2017. Darin laden Präses Manfred Rekowski und Bischof Helmut Dieser die Gemeinden zu einer Bestandsaufnahme der ökumenischen Zusammenarbeit ein und ermutigen unter anderem ausdrücklich dazu, „über die gemeinsame Nutzung von kirchlichen Gebäuden nachzudenken“. Ähnliche Formulierungen finden sich in den Vereinbarungen der rheinischen Kirche mit den Bistümern Essen, Münster und Trier, die ebenfalls im Reformationsjahr unterschrieben werden.

„Bestätigung, dass unser Weg der richtige ist“

In Krefeld-Gartenstadt war man zu dem Zeitpunkt schon längst mit den Planungen für die ökumenische Wohngemeinschaft befasst. Erste Gespräche hatte es bereits 2014 gegeben, bekannt gemacht wurden die Pläne zum Jahreswechsel 2015/16. Zudem gab es zwischen der Evangelischen Kirchengemeinde Krefeld-Nord und der Katholischen Pfarrgemeinde St. Nikolaus ein langjähriges

Banner Pius-Lukas-Kirche
Das Begrüßungsbanner an der Pius-Lukas-Kirche.

Vertrauensverhältnis, das sich schon 1994 in einer gemeinsam getragenen ökumenischen Begegnungsstätte niederschlug. Aber trotzdem, sagt Pfarrerin Angelika von Leliwa, sei der Brief des Präses und des Bischofs 2017 als Ermutigung verstanden worden „und als Bestätigung, dass unser Weg der richtige ist“. Ohne ökumenische Tradition, ohne das Vertrauen der Hauptakteure und ohne langjährige praktische Erfahrung bei Gemeindefesten, Gruppen, Kreisen und gemeinsamen Aktionen sei eine ökumenische Gebäudenutzung kaum denkbar und ein aufgesetztes Projekt, ist auch Markus Schaefer überzeugt, Leitender Dezernent für Ökumene der rheinischen Kirche. Die Bedeutung des Briefs aus seiner Sicht: „Das Papier setzt ein anderes Vorzeichen, auf das sich sowohl die Gemeinden berufen können, die gemeinsam Gebäude nutzen wollen, als auch ,die da oben‘, wenn sie Gemeinden zu mehr Gemeinsamkeit ermutigen.“

Schrumpfende Ressourcen und das Bedürfnis, konfessionell zusammenzurücken

Entscheidend ist für Schaefer der Zukunftsaspekt: „In zehn bis 20 Jahren werden die Ressourcen beider Kirchen so weit geschrumpft sein, dass es noch viel mehr Projekte geben muss und wird, als wir heute ahnen. Wichtig ist dann, dass wir Erfahrungen beim Gelingen, aber auch Scheitern gemeinsamer Gebäudenutzung und anderer Kooperationen haben und die Wohngemeinschaften vielerorts schon normal sein werden.“ Auch die Entscheidung für ein ökumenisches Gemeindezentrum in Krefeld-Gartenstadt habe im Zusammenhang mit rückläufigen Finanzen und Mitgliederzahlen der Kirchen gestanden, bestätigt der Krefelder Pfarrer Christoph Tebbe. Aber das sei für ihn erst der nachgeordnete Grund: „Basierend auf der ökumenischen Tradition in Gartenstadt, geht es vor allem darum, dass die Konfessionen vor Ort näher zusammenrücken.“ So sieht das auch sein katholischer Kollege, Pfarrer Christoph Zettner: „Je mehr Menschen gemeinsam nachdenken, desto mehr Ideen gibt es.“ Er empfinde das Zusammenziehen als „großen Motivationsschub“.

Ökumenisches Verständnis wächst durch Begegnung im Alltag

Ökumene hat viele Spielarten, die „Wohngemeinschaften“ sind nur eine davon. Aber sie können eine wegweisende sein, glaubt Schaefer, „weil sie quasi automatisch mehr Ökumene im Alltag mit sich bringen. Da, wo sich Gläubige beider Konfessionen im Alltag begegnen und Ressourcen teilen, ergeben sich größere Schnittflächen.“ Erste Erfahrungen in der Krefelder Pius-Lukas-Kirche unterstreichen das: „Zu unseren Gottesdiensten kommen mehr Katholiken als früher, um mal zu gucken, wie das ist bei uns“, hat Pfarrerin von Leliwa beobachtet. „An gemeinsamen Orten wächst das Bewusstsein und Erleben des Gemeinsamen, und die Notwendigkeit, sich zu profilieren und abzugrenzen, sinkt“, sagt Schaefer.

Die Idee greift immer mehr um sich

Eine Haltung, die inzwischen an vielen Orten Schule macht. Ob  das Ökumenische Zentrum im Mettmanner Stadtteil Metzkausen oder das Ökumenezentrum im Essener Markushaus, ob das schon mehr als 30 Jahre bestehende Haus der Kirchen in Erkrath-Hochdahl oder die Pläne für ein ökumenisches Gemeindezentrum im Essener Norden: Die Idee evangelisch-katholischer Gebäudenutzungen greift immer mehr um sich. Eine gute Vorbereitung und detaillierte Regelungen sind dabei für Dezernent Schaefer „kein Zeichen von Argwohn und Rechthaberei, sondern zeigen im Gegenteil Verantwortungsbewusstsein und Einfühlungsvermögen“.

Paritätisch besetzter Beirat als Gremium der Konfliktlösung

In Krefeld wacht ein paritätisch besetzter Beirat über die Probleme des ökumenischen Alltags. Eines davon: die Schlüsselfrage. Auf evangelischer Seite ist man gewöhnt, deutlich mehr Schlüssel zu gemeindlichen Räumen im Umlauf zu haben, die Katholiken sind da zurückhaltender. „Wir haben in den zwei Monaten noch keine Konflikte gehabt, aber es wird sie geben“, ist Pfarrer Zettner sicher. „Aber wir haben auch eine gute Grundordnung, die so flexibel ist, dass sie immer wieder überprüft werden kann.“ Derzeit herrschten aber in erster Linie Freude und gegenseitige Hilfsbereitschaft vor. „Wir sind noch sehr euphorisch.“


Video-Bericht auf tagesschau.de zur Pius-Lukas-Kirche in Krefeld-Gartenstadt