Pressemitteilung

Ernst Jakob Christoffel, der „Vater der Blinden“, war ein Rheydter

  • 22.6.2022
  • Andreas Attinger, Simone Becker, Aaron Clamann, Ekkehard Rüger, Christina Schramm, Cornelia Breuer-Iff

Der bundesweite Aktionsmonat Sehbehindertensonntag will im Juni für die Belange von Blinden und sehbehinderten Menschen in Kirchengemeinden sensibilisieren. Wo sich Menschen in der rheinischen Kirche schon jetzt für mehr Teilhabe engagieren, werden wir in den kommenden Wochen auf dieser Seite zeigen, die fortlaufend um Beiträge aktualisiert wird.

Über die Sprungmarken gelangen Sie direkt zu den entsprechenden Beiträgen:

> Ernst Jakob Christoffel, der „Vater der Blinden“, war ein Rheydter
> Ein Dom zum Ertasten
> Ökumenisches Sportfest verbindet Menschen mit und ohne Handicap
> Wie Spenden aus Wetzlar einer Blindenschule in Burkina Faso helfen
> Sehen zu können entscheidet nicht über Gemeinschaft
> Neue Webseite: Barrierefreiheit war selbstverständlich
> Ein „Alternativer Gottesdienst“ für alle Menschen
> Der Aktionsmonat Sehbehindertensonntag

Ernst Jakob Christoffel, der „Vater der Blinden“, war ein Rheydter

Die evangelische Kirchengemeinde im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt hat ihr Gemeindehaus nach Ernst Jakob Christoffel benannt. Der Pastor und Gründer der heute weltweit tätigen Christoffel-Blindenmission kam nicht weit von dem Gebäude entfernt zur Welt. Seinen Ansatz, das Evangelium durch Taten der Nächstenliebe zu bezeugen, hat sich die Gemeinde zu eigen gemacht.

Creodo: „Die Tat der Liebe ist die Predigt, die jeder versteht“

„Vater der Blinden, Niemandskinder, Krüppel und Taubstummen“ steht auf seinem Grabstein. Die Rede ist von Ernst Jakob Christoffel, der am 4. September 1876 an der Mühlenstraße 219 in Rheydt geboren wurde. Knapp zwei Jahrzehnte zuvor hatte in dem Ort bereits der damalige Gemeindepfarrer Franz Balke eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung auf den Weg gebracht – die heutige Evangelische Stiftung Hephata . Ernst Jakob Christoffel wurde früh durch die Frömmigkeit der Eltern geprägt. „Als der junge Mann von der Not christlicher Flüchtlinge hörte, die in den 1890er Jahren aus Armenien nach Deutschland kamen, weckte das in ihm den Wunsch, das Evangelium im Orient zu verbreiten“, berichtet der Rheydter Gemeindepfarrer Stephan Dedring, der eine Kurzbiographie über Ernst Jakob Christoffel verfasst hat. Die theologische Ausbildung dafür erhielt Christoffel an der Evangelischen Predigerschule in Basel. Zusammen mit seiner Schwester Hedwig reiste er 1904 ins Osmanische Reich, in den Nordosten der Türkei. Sein Augenmerk fiel besonders auf die unbeachteten blinden und anders behinderten Kinder und Jugendlichen. Und er half. „Die Tat der Liebe ist die Predigt, die jeder versteht“, lautete das Credo des Missionars – zunächst in der Türkei, nach den Wirren des Ersten Weltkriegs dann in Persien. 1908 gründete Christoffel die „Christliche Blindenmission im Orient“, die nach seinem Tod in Christoffel-Blindenmission (CBM) umbenannt wurde.

Gemeindehaus erinnert an besonderen missionarischen Einsatz

Am 23. April 1955 starb Christoffel. Er ist an seiner letzten Wirkungsstätte, in Isfahan, auf dem armenischen Friedhof begraben. „Die alten Rheydter haben sich noch lange an die Abende erinnert, bei denen Ernst Jakob Christoffel von seiner Arbeit berichtete“, erzählt Pfarrer Stephan Dedring. Die Kirchengemeinde vor Ort wollte an seinen missionarischen Einsatz durch die hilfreiche Tat erinnern und benannte bereits 1978 ein Gemeindehaus nach dem evangelischen Pastor: das Ernst-Christoffel-Haus. Beim Neubau des Gemeindehauses 2016 in Rheydt-Mitte wurde der Name des Mannes, der kaum 200 Meter entfernt zur Welt kam, übernommen.

Ernst Jakob Christoffel (Foto: gemeinfrei)

Menschen mit sozialen Schwierigkeiten im Blick behalten

Im Sinne Christoffels Taten der Nächstenliebe sprechen zu lassen und so das Evangelium zu bezeugen, hat sich die Gemeinde in Rheydt zu eigen gemacht. Gemeindepfarrer Stephan Dedring hat selbst viele Jahre einen Kreis für sehbehinderte und blinde Menschen geleitet. Heute versucht die Kirchengemeinde, besonders Menschen in sozialen Schwierigkeiten im Blick zu behalten, wie etwa Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderung der Einrichtung Hephata, muslimische Familien aus Bulgarien und Geflüchtete aus dem Iran, „die sich zum Teil bei uns haben taufen lassen, die ich getraut und deren Kinder ich inzwischen getauft habe“, sagt Dedring, der auch Moderator der Interreligiösen Konferenz Mönchengladbach ist.

100. Geburtstag der Christoffel-Blindenmission prominent in Rheydt gefeiert

Wie präsent Ernst Jakob Christoffel noch heute im Ortsteil Rheydt ist, zeigt auch eine Gedenktafel, die an seinem Geburtshaus angebracht ist. Sie wurde zum 100. Geburtstag der Christoffel-Blindenmission enthüllt. Deren zentrale Feier fand auf dem Marktplatz und im Kirchencafé der Gemeinde in Rheydt statt. Bei der Veranstaltung waren auch prominente Botschafter der Hilfsorganisation wie Dressurreiterin Isabell Werth und Schauspieler Hannes Jaenicke zugegen, erinnert sich Pfarrer Dedring. Als Mitglied des Lions Clubs Mönchengladbach St.Vitus weiß er überdies um die enge Zusammenarbeit von Lions Clubs International mit der Christoffel-Blindenmission und unterstützt diese gern.

 

Im Bergischen Land: Ein Dom zum Ertasten

Seit November 2005 gibt es den Altenberger Dom doppelt. Einmal im gotischen Original, idyllisch gelegen im Bergischen Land am Flüsschen Dhünn, knapp 30 Kilometer nordöstlich des Kölner Doms, und seit 1857 als Simultankirche sowohl für katholische als auch evangelische Gottesdienste genutzt. Und dann ein zweites Mal wenige Schritte vom Altenberger Eingangsportal entfernt in Bronze gegossen. Deutlich kleiner zwar, aber dafür ist das Modell auch im wörtlichen Sinn geeignet, den Dom und das umliegende Gelände zu begreifen und zu ertasten. Und wer die Informationstexte zum Modell durch Blindheit oder Sehbehinderung nicht lesen kann, dem stehen sie auch in Blindenschrift zur Verfügung.

Der Altenberger Dom als Bronze-Skulptur zum Anfassen. Foto: Ekkehard Rüger

Gruppen-Führungen für Sehbehinderte

Das 1,5 Tonnen schwere Werk des Soester Bildhauers Egbert Broerken ruht auf einem Sockel aus demselben Tuffstein, aus dem auch der Dom erbaut ist. Der Lions Club Bergisch Gladbach/Bensberg stiftete es anlässlich seines 40-jährigen Bestehens der Gemeinde Odenthal, zu der Altenberg gehört. Und damit blinde oder sehbehinderte Menschen auf dem ehemaligen Klostergelände nicht auf den Brückenschlag zwischen Modell und Original verzichten müssen, hat die Domführungsgesellschaft eine speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene anderthalbstündige Führung ins Programm aufgenommen. Eine der Domführerinnen und Domführer hat dafür eine entsprechende Schulung absolviert. Für 160 Euro können interessierte Gruppen die Führung buchen.

Informationstexte stehen in Blindenschrift zur Verfügung. Foto: Ekkehard Rüger

Modelle über die gesamte Republik und die Nachbarländer verteilt

Altenberg ist nicht der einzige Ort, an dem ein Tastmodell zur Verfügung steht. Seit mehr als 30 Jahren gestaltet Egbert Broerken, mittlerweile gemeinsam mit seinem Sohn Felix, Stadtmodelle oder auch Einzelobjekte, die über die gesamte Republik verteilt, aber auch in den Nachbarländern verbreitet sind. So befindet sich seit 2015 auch ein Modell der Konstantin-Basilika in Trier nahe der evangelisch genutzten, aber dem Land Rheinland-Pfalz gehörenden Kirche. Für Basel entstand ein Modell des heute evangelisch-reformierten Münsters. Und auch die Lutherstadt Wittenberg gibt es seit gut zehn Jahren als Tastmodell zum Anfassen. Der Künstler selbst sagt dazu: „Wenn blinde Mitbürger mit ihren Händen fasziniert die Stadt ertasten, in der sie lange leben, aber die sie nie begreifen konnten, dann ist es jedes Mal wieder ein bewegender Moment für mich.“

 

Ökumenisches Sportfest verbindet Menschen mit und ohne Handicap

Auf die Plätze, fertig, los. Am 26. Juni ist es soweit. Zum 13. Mal fällt der Startschuss für kirche.läuft , einem ökumenischen Sport- und Familienfest in Köln für Menschen mit und ohne Behinderung. Die Läuferinnen und Läufer treten über verschiedene Distanzen an. Zur Auswahl steht etwa eine Strecke von fünf oder zehn Kilometern sowie ein sogenannter Family & Friends-Lauf, bei dem Gruppen antreten können. Ein freies Kurzstreckenrennen über 1,3 Kilometer führt ausschließlich über Asphalt und ist auch gut für Menschen im Rollstuhl geeignet.

Die Kurzrennstrecken sind gut für Menschen im Rollstuhl geeignet. Foto: Stephanie Wunderl/pulsschlag

Sehbeeinträchtigte Teilnehmende laufen im Tandem

Auch Läuferinnen und Läufer mit einer Sehbeeinträchtigung nehmen regelmäßig an der Laufveranstaltung teil. Etwa fünf bis zehn Teilnehmende seien es im Schnitt pro Jahr, schätzt Holger Wesseln, Inhaber der Eventagentur pulsschlag, die den Lauf mitorganisiert und auch die Anmeldungen koordiniert. Die sehbeeinträchtigten Läuferinnen und Läufer legten die Strecke mit einer Begleitperson im Tandem zurück. Für diejenigen, die keine eigene Begleitperson mitbrächten, organisierten die Veranstalter auf Wunsch einen Laufpartner oder eine Laufpartnerin, erklärt Wesseln. Sie beschreiben den sehbeeinträchtigten Teilnehmenden, worauf sie bei der Strecke achten müssen.

Deutlich mehr Menschen mit Handicap als bei anderen Läufen

Der Streckenverlauf führt auf einem fünf Kilometer langem, flachen Rundweg durch den Kölner Stadtwald. Er ist barrierearm, sagt Holger Wesseln, jedoch mit der Einschränkung, dass die befestigten Waldwege nur bedingt geeignet seien für Rollstuhlfahrer. Dennoch gebe es immer wieder auch hier Teilnehmende, die diese Distanz bewältigen würden. Etwa 600 bis 650 Freizeit- und Leistungssportler haben sich in diesem Jahr nach Angaben der Veranstalter für den Lauf angemeldet. Unter den Teilnehmenden der vergangenen Jahre seien stets deutlich mehr Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung als bei anderen Volksläufen.

Ein breites Rahmenprogramm ergänzt das Sportereignis

Seit 2009 gibt es die Sportveranstaltung, die auch als Stadionlauf Köln bekannt ist. Ursprünglich von dem katholischen Sportverband DJK in Köln gemeinsam mit der Agentur pulsschlag ins Leben gerufen, entwickelte sich der Lauf schnell zu einem ökumenischen Sportfest mit mehreren Trägern, an der auch die evangelische Kirche in Köln beteiligt ist. Über das Familien.Spiele.Fest, ein breit aufgestelltes Rahmenprogramm der Hörbehindertenseelsorge im Erzbistum Köln, nahm zudem der inklusive Charakter des Laufes noch stärker Gestalt an.

Als Team mit unterschiedlichen Menschen laufen

Dieser ist auch für Pfarrer Armin Beuscher besonders wichtig. Der Beauftragte für Kirche und Sport im Evangelischen Kirchenverband Köln und Region ist selbst viele Male bei dem Kölner Stadionlauf mitgelaufen und hatte die evangelische Beteiligung seinerzeit angeregt. In der Gesellschaft erlebe er häufig, dass Menschen in Gruppen eingeteilt würden und keine Berührungspunkte mehr hätten, erklärt Beuscher. Bei kirche.läuft sei das anders. „Als Team mit einer Gruppe von Menschen ins Ziel zu gelangen, die unterschiedliche Möglichkeiten haben, schnell zu laufen, ist etwas ganz Besonderes.“

Miteinander von Menschen aller Glaubensrichtgungen

Auch für Holger Wesseln ist Sport ein gutes Mittel, um Menschen in die Gesellschaft zu integrieren und zu zeigen, dass alle zusammengehören. „Es gibt kaum einen Bereich, in dem sich Menschen ohne Hemmnisse so nahekommen können, wie im Sport“, erklärt er. Als kirchliche Veranstaltung nimmt das Sportfest auch das Miteinander von Menschen aller Glaubensrichtungen in den Fokus. So gehe es bei den Läufen nicht um den Gewinn des Einzelnen, wie die Veranstalter auf der Webseite erklären, sondern darum, wie man das Ziel erreiche: „Losgelöst von Glaubensrichtungen gilt das Einstehen für andere und das Erleben von Gemeinschaft als unser vorrangiges Ziel.“

Nachmeldungen noch online oder vor Ort möglich

Kurzentschlossene können sich für den Lauf noch online oder vor Ort nachmelden. Unter dem Namen „evangelisch.läuft “ beteiligen sich die evangelischen Kirchengemeinden und Kirchenkreise in Köln und Region mit einem eigenen Team. Weitere Informationen zum Lauf und zum Rahmenprogramm finden sich auf den Seiten kirche.läuft inklusiv und Stadionlauf Köln .

 

Wie Spenden aus Wetzlar einer Blindenschule in Burkina Faso helfen

Der Kirchenkreis an Lahn und Dill ist seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Projekten in Burkina Faso aktiv. Durch Spenden wird dabei auch eine Blindenschule unterstützt, hinter der eine sehr persönliche Geschichte steht.

Pfarrer engagiert sich nach Erblindung für andere Sehbehinderte

Pfarrer Lucien Naré aus Burkina Faso ist 1987 durch einen Verkehrsunfall erst im Erwachsenenalter erblindet. Ein Umstand, nach dem viele Menschen vor allem daran denken, selbst mit der Situation klarzukommen. Vermutlich wird es auch Naré so gegangen sein, doch fasste er den Entschluss, sich für andere Sehbehinderte einzusetzen. Das Engagement mündete 1994 in einem Verein für behinderte Menschen und 2007 schließlich in der Gründung einer Schule für Sehbehinderte.

Durch die Spenden aus Wetzlar konnte die Blindenschule unter anderem eine Braille-Maschine anschaffen. Foto: Heidi Stiwink

Bessere Schulbildung für Blinde und Sehbehinderte

Die Blindenschule in Ouagadougou ermöglicht Blinden und Sehbehinderten eine bessere Schulbildung. Die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen geht bis in die Berufsausbildung. 2021 fasste die Kirchengemeinde Wetzlar den Entschluss, diese Arbeit zu unterstützen. Der Impuls kam von Pfarrer Jörg Süß, der in ständigem Kontakt mit den Partnergemeinden in Burkina Faso steht und schlicht gefragt hatte, was aktuell am nötigsten gebraucht werde. Durch einen Spendenaufruf 2021 kamen dann 15.000 Euro zustande.

Braille-Maschine von Spenden finanziert

Mit dem Geld wurde mittlerweile ein neues Klassenzimmer eingerichtet und eine Braille-Maschine angeschafft. Die Brailleschrift ist eine Blindenschrift und wird international von Sehbehinderten genutzt. Braille-Maschinen drucken Erhebungen auf Papier, die man mit hauptsächlich mit dem Finger erfühlen kann. Mit der Maschine können sowohl Unterrichtsmaterialien wie auch Bibeltexte in unterschiedlichen Übersetzungen gedruckt werden, die sehbehinderten Pfarrpersonen vor Ort zur Verfügung gestellt werden.

Schwierige Situation nach Militärputsch in Burkina Faso

Heidi Stiewink konnte sich auf einer Reise im vergangenen Jahr ein Bild von dem Projekt machen. Stiewink begleitet das nun schon 45 Jahre andauernde Engagement in Wetzlar seit vielen Jahren. Sie beobachtet die Lage in dem Land auch nach dem Militärputsch Anfang dieses Jahres. „Die Schule für Sehbehinderte ist in Ouagadougou, also in der Hauptstadt“, berichtet Stiewink. Dort sei es verhältnismäßig sicher, weil die Stadt unter der Kontrolle des Militärs steht und internationale Organisationen dort präsent sind. „Bei den Schulen im Norden sieht es allerdings anders aus. Diese Region ist durch Terror gekennzeichnet und dort wurden Schulen entweder zerstört, geschlossen oder Schülerinnen und Schüler und Eltern sind bereits geflohen.“

Gemeinde sammelt weiter Spenden für Blindenschule

Das Engagement an Lahn und Dill geht nichtsdestotrotz – oder gerade aufgrund der schwierigen politischen Lage vor Ort – weiter. Und so betont Stiewink im Gespräch über die Blindenschule auch: „Sie dürfen gerne weiter zu Spenden aufrufen.“ Informationen zu Spendenmöglichkeiten finden sich auf der Webseite der Initiative TIKATO , deren Namen auf ein Dorf im Nordosten von Burkina Faso zurückgeht.

Sehen zu können entscheidet nicht über Gemeinschaft

Paul-Gerhard Sinn leitet die Wuppertaler Stadtmission. Foto: Andreas Fischer

Seit mehr als 50 Jahren produziert die Wuppertaler Stadtmission Hörandachten für blinde und sehbehinderte Menschen. Die CDs sind eines von mehreren Angeboten, mit denen sich das freie evangelische Werk gezielt an Menschen mit einer Sehbehinderung richtet und ihnen mehr Teilhabe am Gemeindeleben ermöglicht. Rund 280 Abonnentinnen und Abonnenten erhalten die täglichen Andachten für blinde und sehbehinderte Menschen der Wuppertaler Stadtmission. Alle zwei Monate spricht deren Leiter, Paul-Gerhard Sinn, dazu die geistlichen Impulse aus dem Neukirchener Kalender ein, einem Andachtskalender zur täglichen Bibellese. Dazu nutzt er einen ruhig gelegenen Raum der Wuppertaler Stadtmission, der mit Mikrofon und Laptop ausgestattet ist. Anschließend werden die Tonaufnahmen mit Musik ergänzt. So entsteht für jeden Tag ein etwa zehnminütiger Beitrag, bestehend aus einer Begrüßung, Liedern, Gebeten, einem Bibelvers sowie einem Bibeltext und dessen Auslegung.

CDs werden deutschland- und europaweit verschickt

Seit etwas mehr als 50 Jahren gibt es das Angebot der Hörandachten für blinde und sehbehinderte Menschen. Zunächst auf Kassette aufgenommen, stehen die Andachten mittlerweile auf CD zur Verfügung und werden deutschland- wie europaweit verschickt. Bald sollen sie auch als Podcast über die Homepage der Wuppertaler Stadtmission abrufbar sein. Die Hörandachten hatte das freie Werk innerhalb der evangelischen Kirche um das Jahr 1970 herum von einer privaten Initiative übernommen, die das Angebot nicht fortführen konnte. Für die Stadtmission stand außer Frage, das Projekt zu übernehmen. „Dort, wo Menschen sich an uns wenden, schauen wir gemeinsam, wie wir helfen können“, erklärt Paul-Gerhard Sinn.

Weitere Angebote entstanden – ganz nach Bedarf

Nach den Hörandachten entwickelten sich rasch weitere Angebote für Menschen mit einer Sehbehinderung. „Je nachdem, was gerade benötigt war“, erklärt der Stadtmissionar. So gab es viele Jahrzehnte lang einen Fahrdienst, der – ähnlich wie ein Taxi – blinde und sehbehinderte Menschen zu ihren Erledigungen beförderte. Aufgrund der Corona-Pandemie sank jedoch der Bedarf, sodass der Fahrdienst eingestellt wurde. Auch die jährlich im Sommer veranstalteten Urlaubsfreizeiten innerhalb Deutschlands fanden pandemiebedingt nicht statt. In diesem Jahr möchte die Wuppertaler Stadtmission aber wieder Ausflüge in die nähere Umgebung anbieten.

Auf Berührung und Begleitung angewiesen

„Für Menschen mit einer Sehbehinderung waren die vergangenen zwei Jahre eine sehr schwere Zeit, denn sie sind auf Berührung und Begleitung angewiesen“, sagt Paul-Gerhard Sinn. Weil Körperkontakt jedoch mit Angst vor Ansteckung verbunden war, hätten viele blinde und sehbehinderte Menschen nur schwer eine Begleitperson gefunden und teils wie unter Quarantäne gelebt. „Da war es umso wichtiger, dass wir bei unseren Treffen die Menschen abgeholt haben und mit ihnen zusammen waren“, erklärt der Stadtmissionar.

Gottesdienste zeichnen sich durch besondere Elemente aus

Einmal im Monat findet in der Gemarker Kirche im Wuppertaler Stadtteil Barmen ein Sehbehindertentreff statt, alle acht Wochen gibt es einen Gottesdienst für blinde und sehbehinderte Menschen in der Citykirche in Wuppertal-Elberfeld. „Dieser zeichnet sich durch methodische Elemente und Begegnungsformen für die Teilnehmenden aus, die sich speziell an Menschen mit einer Sehbehinderung richten“, sagt der Stadtmissionar. Zum Beispiel indem Liedverse vorgelesen werden oder durch eine stärkere Beschreibung von Dingen und der Situation.

Auch Menschen, die sehen können, sind willkommen

Dennoch seien auch Menschen ohne eine Sehbeeinträchtigung bei den Gottesdiensten herzlich willkommen. Vielen werde dadurch erst deutlich, mit welch unterschiedlichen Voraussetzungen sehbehinderte Menschen am Gemeindeleben teilnehmen, hat der Stadtmissionar und ausgebildete Diakon beobachtet. „Deswegen stellen wir bewusst diese Elemente in den Mittelpunkt“, erklärt Paul-Gerhard Sinn, „damit die Teilnehmenden wahrnehmen, dass Sehen-Können kein Faktor ist, der über Gemeinschaft entscheidet.“

 

Neue Webseite: Barrierefreiheit war selbstverständlich

Seit Ostern 2021 hat die Kirchengemeinde Euskirchen eine neue Webseite. Barrierefreiheit war bei der Planung kein großes Thema – es war selbstverständlich. „Über das Warum mussten wir erst gar nicht nachdenken“, sagt Presbyterin Tammy Peiter. „Es ist einfach zeitgemäß, dass neue Internetseiten auch inklusiv gedacht werden. Außerdem haben wir Gemeindemitglieder, die von einer Sehbehinderung betroffen sind.“ Tammy Peiter arbeitet hauptberuflich als IT-Beraterin und hat den Relaunch gemeinsam mit dem ehrenamtlichen Mitarbeiter Ron Doderer auf den Weg gebracht.

Ein Plug-in sorgt für Barrierefreiheit

Für die neue Website haben sie von dem Hosting-Angebot der Evangelischen Kirche im Rheinland Gebrauch gemacht, das neben Kirchengemeinden auch von Ämtern, Werken und Einrichtungen innerhalb der Landeskirche genutzt werden kann. Es basiert auf dem Content-Management-System WordPress. „WordPress ist ein Baukastensystem, in dem man nach Wunsch verschiedene Plug-ins, also Erweiterungsprogramme zur Software, auswählen kann“, erläutert Tammy Peiter. Damit könnten zum Beispiel die Herrnhuter Losungen auf der Webseite eingebunden oder Termine aus Datenbanken ausgespielt werden. Und ein entsprechendes Plug-in kann dafür sorgen, dass die gesamte Webseite barrierefrei ist.

Jedes Foto braucht einen Bildtext

„Wir haben verschiedene getestet und uns dann für eins entschieden, das prominent auf der Seite sichtbar ist und viele Funktionalitäten bietet für Anwender, die keinen separaten Screenreader benutzen“, sagt Tammy Peiter. Das sei besonders wichtig, denn Sehbehinderungen sind vielfältig und oft genügt eine größere Schrift oder ein anderer Kontrast, dass Inhalte gelesen werden können. Das Plug-in zur Barrierefreiheit optimiert die Webseite im Hintergrund nun so, dass bei geringer Sehbehinderung kein Bildschirmleseprogramm notwendig ist. Unabhängig vom Einsatz des Plug-ins oder eines Screenreaders muss vordergründig dann noch auf Kleinigkeiten geachtet werden, zum Beispiel, dass jedes Foto auch eine beschreibende Bildunterschrift erhält.

Gut sichtbar auf der Startseite: die Leiste mit den verschiedenen Funktionalitäten. Foto: Screenshot

Verschiedene Browser, verschiedene Möglichkeiten

Einstellungen zur Optimierung von Funktionalitäten sind grundsätzlich auch im Browser möglich, doch Tammy Peiter hält ein Plug-in für die bessere Lösung: „Verschiedene Browser haben verschiedene Möglichkeiten zu Einstellungen. Eine Website selbst so zu programmieren, dass sie bei allen möglichen Optionen funktioniert, ist fast unmöglich. Ein geeignetes Plug-in sorgt dafür, dass es Browser-unabhängig gleich gut läuft.“ Zur Webseite der Kirchengemeinde Euskirchen

 

Ein „Alternativer Gottesdienst“ für alle Menschen

Einmal im Monat lädt die Evangelische Kirchengemeinde Gersweiler-Klarenthal im Saarland zu einem „Alternativen Gottesdienst“ ein. Das Besondere daran: Der Gottesdienst ist nicht nur dank Gebärden- und Schriftdolmetscherin für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen erlebbar. „Wir möchten allen Menschen, ob jung oder alt, mit oder ohne Behinderung einen Platz in der Kirche bieten. Das ist unsere Herzenssache“, unterstreicht Sabine Blügel-Ebinghaus das Ziel des Alternativen Gottesdiensts. Seit nun mehr 18 Jahren ist sie an diesem inklusiven Projekt beteiligt, seit 13 Jahren als Leiterin. Und eines ist sicher: „Inklusiv“ steht hier nicht nur drauf, sondern steckt auch drin. Denn das achtköpfige Team um Blügel-Ebinghaus und Pfarrer Uwe Lorenzen achtet auf jedes Detail.

Der „Alternative Gottesdienst“ ist für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen erlebbar. Foto: S.Haas/KG Gersweiler-Klarenthal

Gebärden- und Schriftdolmetscherin mit an Bord

„Wir bemühen uns vor allem um eine leicht verständliche Sprache“, schildert die Teamleiterin. Die Programme gibt es in Großdruck, damit auch Menschen mit Seheinschränkungen teilhaben können. Mit an Bord sind zudem Gebärden- und Schriftdolmetscherinnen. „Sie übersetzen alles, was gesprochen oder gesungen wird, beschreiben Situationen wie Applaus oder Zwischenrufe.“ Die Gebete und Ansprachen, die das Team selbst schreibt, werden zur Mitnahme ausgelegt. Außerdem ist der Gottesdienst zum Nachhören auf CD erhältlich. Bei all den Formaten ist Blügel-Ebinghaus überzeugt: „Selbst wenn etwas nur von einer Person genutzt wird, ist es wichtig, es anzubieten.“

Projekt vor 22 Jahren ins Leben gerufen

Bereits seit dem Jahr 2000 wird der Alternative Gottesdienst gefeiert. Zurück geht er auf eine Idee von Becky Deutsch, der Frau des früheren Pfarrers Otto Deutsch. Zu Beginn gab es zwei Gottesdienste pro Jahr. Mittlerweile steht jeden Monat ein Gottesdienst in der Klarenthaler Kirche auf dem Programm. Die kommenden Termine sind auf der Gemeindewebsite zu finden. Das Interesse ist beeindruckend. Vor Corona nahmen 180 bis 250 Besucherinnen und Besucher pro Gottesdienst teil. „Derzeit sind es 90 bis 120.“ Unter den Teilnehmenden seien Menschen mit und ohne Behinderung. „Wir haben viele Stammgäste. Darunter betreute Behindertengruppen sowie Familien, die seit drei Generationen dabei sind.“ Einige der Teilnehmenden würden weite Anfahrtswege von bis zu zwei Stunden aus Zweibrücken, Trier oder Mannheim auf sich nehmen.

Kreativer Teil, Kinderbetreuung und Live-Musik

Der Ablauf des Gottesdiensts ist so vielfältig wie die Gäste. Es geht um aktuelle Glaubens- und Alltagsthemen. Es werden Gebete, biblische sowie persönliche Geschichten vorgelesen. Ein Singkreis und eine Band spielen und singen Lieder, die leicht zu lernen sind. Es gibt einen kreativen Teil, an dem alle teilhaben können. Und es steht eine Kinderbetreuung bereit. Blügel-Ebinghaus hofft, dass auch der Imbiss als Ort der Begegnung im Anschluss an den Gottesdienst bald wieder uneingeschränkt durchgeführt werden kann.

Ehrenamtliche stecken viel Zeit in Vorbereitung

Möglich ist ein solcher Gottesdienst nur dank des unermüdlichen Einsatzes der vielen Ehrenamtlichen, wie Blügel-Ebinghaus betont. Während sich das Kernteam etwa um den Inhalt kümmere, organisierten weitere Helferinnen und Helfer unter anderem Plakate, Pressearbeit und Technik. Finanziell sei der Gottesdienst ebenfalls aufwendig, nicht nur wegen der Gebärden- und Schriftdolmetscherin. „Im Moment sind wir vor allem auf Kollekten angewiesen. Umso dankbarer sind wir für alle Spenden, die uns erreichen.“

 

Der Aktionsmonat Sehbehindertensonntag

Ganze 39 Bände umfasst sie, jeder davon ist so groß wie ein schmaler Aktenordner: die Lutherbibel 2017 in Punktschrift. Der Schrift, die blinde Menschen lesen können. Der Herstellungsprozess ist aufwendig, die Fertigstellung der Gesamtausgabe im vergangenen Februar nach fünf Jahren Arbeit ein Erfolg: „Eigenständig in meiner Bibel lesen zu können, das ist für alle Menschen wichtig“, sagt Pfarrerin Barbara Brusius, die das Projekt für den Dachverband der evangelischen Blinden- und evangelischen Sehbehindertenseelsorge (DeBeSS) geleitet hat. „Auch blinde Menschen wollen dies selbstständig tun.“

Bundesweiter Aktionsmonat für mehr Barrierefreiheit

Für die Belange von blinden und sehbehinderten Menschen in Kirchengemeinden will im Juni eine bundesweite Aktion unter dem Titel „Sehbehindertensonntag“ sensibilisieren und Impulse für mehr Barrierefreiheit geben. Bei der Initiative vom 1. bis 30. Juni handelt es sich um ein Projekt der Sehbehindertenselbsthilfe gemeinsam mit dem DeBeSS sowie weiteren Akteuren aus der evangelischen und katholischen Kirche. Sie stellen Materialien bereit, mit denen in Gruppen und Einrichtungen wie auch im Gottesdienst Aktionen rund um das Thema durchgeführt werden können.

Für Außenstehende ist eine Sehbehinderung schwer zu erkennen

Nicht immer sei für Außenstehende eine Sehbehinderung gleich zu erkennen, erklären die Initiatoren des „Sehbehindertensonntags“. Zudem seien die Auswirkungen von Augenerkrankungen sehr unterschiedlich, wie ein Erklärfilm im Rahmen des Aktionsmonats zu „Sehbehinderungen im Kirchenalltag“ zeigt . Zum Beispiel könne durch eine Augenerkrankung das zentrale scharfe Sehen gestört sein. Für manche Menschen seien zu helle Lichtverhältnisse ein Problem, für andere zu dunkle. Und wieder andere sähen nur verschwommen.

Menschen in ihrer Beeinträchtigung richtig wahrnehmen

Gabriele Wölk
Gabriele Wölk, Foto: Kai Töpfer

„Das erschwert nicht nur Außenstehenden einzuschätzen, wo das Gegenüber Hilfe braucht“, erklärt die Blinden- und Sehbehindertenseelsorgerin Gabriele Wölk. „Es verhindert auch, dass sehbehinderte Menschen in ihrer Beeinträchtigung richtig wahrgenommen werden.“ Schnell seien Unbeteiligte irritiert, warum jemand eine Sache könne und eine andere wiederum nicht. Die Pfarrerin ist seit fast 30 Jahren für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im Evangelischen Kirchenkreis Koblenz zuständig. Dort begleitet sie auch einen Blinden- und Sehbehindertentreff, bei dem sich Menschen mit einer Sehbehinderung aus dem Umkreis von Koblenz einmal im Monat zum Austausch treffen.

In fast jeder Gemeinde gibt es sehbehinderte Menschen

„In fast allen Gemeinden gibt es blinde und sehbehinderte Menschen“, sagt Gabriele Wölk. Allein schon durch altersbedingte Augenerkrankungen. Die Schwelle, diese Menschen in die Gemeinde zu integrieren, sei niedrig, sagt die 59-jährige Pfarrerin und will dazu ermutigen, blinde und sehbehinderte Menschen stärker einzubeziehen. Zum Beispiel durch anschauliche Beschreibungen oder indem sinnliche Erfahrungen wie Riechen und Tasten ermöglicht werden. „Das kann ich in jedem Bereich tun, wo ich weiß, dass jemand eine Sehbehinderung hat. Und es reicht, wenn sich die Nebenfrau oder der Nebenmann dieser Aufgabe annimmt.“

Aufmerksam nach dem Bedarf schauen

„Das Wichtigste ist, einladend zu sein“, sagt Gabriele Wölk, und aufmerksam darauf zu achten, welcher Bedarf sich für den Menschen aus seiner Sehbehinderung heraus ergebe. Am besten frage man ihn selbst, ohne dabei Angst zu haben, etwas Falsches zu sagen, erklärt die Blinden- und Sehbehindertenseelsorgerin. „Die meisten Menschen mit einer Sehbehinderung möchten gerne gefragt werden und sagen offen, was sie brauchen.“

Alternative Gottesdienste und barrierefreie Webseiten

Im Rahmen des Aktionsmonats „Sehbehindertensonntag“ stellt ekir.de in den nächsten Wochen vor, wie sich Menschen in der rheinischen Kirche schon jetzt für mehr Teilhabe von Menschen mit einer Sehbehinderung engagieren. Die Artikel erzählen von Alternativen Gottesdiensten, Hörandachten für blinde und sehbehinderte Menschen, einer barrierefreien Webseite sowie Modellen, mit denen sich Kirchen ertasten lassen. Sie zeigen, wo der Blindenmissionar Ernst Christoffel seine Spuren hinterlassen hat und wie Menschen mit einer Sehbehinderung in anderen Teilen der Welt geholfen wird.

Stichwort: Sehbehindertensonntag

Der bundesweite Aktionsmonat „Sehbehindertensonntag“ vom 1. bis zum 30. Juni ist ein Kooperationsprojekt von fünf Partnern. Beteiligt sind der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), der Dachverband der evangelischen Blinden- und evangelischen Sehbehindertenseelsorge (DeBeSS) sowie das Deutsche Katholische Blindenwerk (DKBW). Bereits seit 1998 initiiert der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband jährlich um den 6. Juni herum einen „Sehbehindertentag“, um zu einem bestimmten Thema auf die Bedürfnisse von Menschen mit einer Sehbehinderung aufmerksam zu machen. In diesem Jahr wendet sich die Aktion einen ganzen Monat lang Sehbehinderungen im Kirchenalltag zu.