„Konflikte können überwunden werden“

  • 29.11.2023
  • Cornelia Breuer-Iff
  • EKiR/Hanim Ezder

DREI FRAGEN AN Rafael Nikodemus, theologischer Dezernent im Dezernat Ökumene des Landeskirchenamts, und Superintendentin Antje Menn zur dritten internationalen interreligiösen Konferenz der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) und des Verbands christlicher Kirchen in Indonesien vom 21. bis 23. November im indonesischen Jakarta.

 

Herr Nikodemus, was hat die Delegation der Evangelischen Kirche im Rheinland in die Tagung in Jakarta eingebracht?
Rafael Nikodemus:
Zwei spezifisch deutsche Erfahrungen: zum einen den Holocaust mit der daraus resultierenden Verantwortung für uns, dem Verhältnis zu Judentum und Israel eine nicht hintergehbare Qualität zu geben. Antje Menn hat in ihrem Impulsreferat sehr nachdrücklich die Haltung unserer rheinischen Kirche zum Ausdruck gebracht: mit Sorge den seit dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel weiter wachsenden Antisemitismus in Deutschland wahrzunehmen, zur Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft und insbesondere den jüdischen Kultusgemeinden aufzurufen und den Staat Israel als Heimstatt und Schutz von Jüdinnen und Juden weltweit zu bejahen. Die zweite Erfahrung ist der Umstand, dass das Zusammenleben mit anderen Religionen, insbesondere mit Musliminnen und Muslimen, in Deutschland ein noch sehr junges Phänomen ist, das kaum weiter reicht als 60 Jahre. Der Prozess der Beheimatung des Islam in Deuschland, seine noch immer in den Anfängen stehende Institutionalisierung, aber auch die Kreativität islamisch-wissenschaftlicher Aufbrüche sind für die Konferenz inspirierend gewesen.

Frau Menn, was nimmt die rheinisch-westfälische Delegation aus Jakarta in ihre Kirchen mit?
Antje Menn:
 Ich habe konkrete Bilder, Gesichter und Geschichten von Menschen vor Augen, in deren Regionen die ökologischen und humanitären Folgen des Klimawandels Menschen ihre Lebensgrundlage entziehen oder längst schon entzogen haben. Das verändert auch meinen Blick auf die Transformation hin zur Klimaneutralität unserer kirchlichen Gebäude bis 2035. Was können wir als rheinische Kirche parallel zur Ertüchtigung unserer Gebäude und eines veränderten Konsumverhaltens finanziell, agrarisch und spirituell an anderen Orten der Welt beitragen? Welche rechtlichen Grundlagen für Klimavertriebende befürworten wir und was bringen wir in die politische Diskussion ein? Von Juilet und Amirah, einer Christin und einer Muslima von den Philippinen, habe ich von den Ausmaßen der Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land gehört. Auch davon, wie Menschen verschwinden, die sich zum Beispiel für die Rechte von Indigenen einsetzen. Unter ständiger Gefahr arbeiten die beiden Frauen in einem interreligiösen Projekt Tag um Tag für die Umsetzung der Menschenrechte. Wenn in Kürze die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Verabschiedung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 stattfinden, ist es nötiger denn je, Menschen wie Juilet und Amirah in den Focus zu rücken. Dabei werden mich auch die Folgen der kolonialen Vergangenheit beschäftigen. Wir kann ein aktives Engagement der Religionen zur internationalen Unterstützung der Menschenrechte aussehen? Was konkret würde Juilet und Amirah helfen? Die Erfahrungen in Jakarta sind für mich Ermutigung und Aufforderung, interreligiöse Gespräche vor Ort zu vertiefen und weitere zu suchen.

Was ist das Friedenssignal, das von Jakarta ausgeht?
Nikodemus:
In der direkten Begegnung und im Dialog wird deutlich: Frieden ist möglich, Konflikte können überwunden werden. Die gemeinsame Erklärung am Ende der Konferenz bekräftigt dies und das zeigt die Arbeit der vielen gemeinsamen Projekte rund um den Globus, wo religionsübergreifend Konflikte angegangen werden. Das ermutigt. Im beharrlich hoffenden und tatkräftigen Miteinander tragen Religionen zu der Durchsetzung der Menschenrechte, zu Maßnahmen gegen den fortschreitenden Klimawandel, zu Gerechtigkeit und Frieden bei.

Info: Weitere Zitate aus der Delegation

Prof. Mouhanad Khorchide, Zentrum für Islamische Theologie:
„Ich war von der Offenheit der indonesischen muslimischen Kolleginnen und Kollegen für den interreligiösen Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern des Christentums und des Judentums äußerst beeindruckt. Die Konferenz hat gezeigt, dass es in der islamischen Welt zahlreiche Initiativen und Institutionen gibt, die bemüht sind, auf Augenhöhe ins Gespräch mit anderen Religionen und Weltanschauungen zu kommen. Leider erfahren wir in Deutschland und Europa wenig davon, daher ist es wichtig, solche Konferenzen auch bei uns zu organisieren, um noch mehr Räume der Begegnung zu schaffen. Ich würde mir wünschen, dass auch der indonesische Islam Teil des Diskurses um den Islam bei uns in Deutschland wird.“

Paul Yuval Adam, Kantor der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld:
„Dass bei der Konferenz wieder ein Jude aus Deutschland dabei sein konnte, war angesichts der kritischen Lage für Juden in Deutschland und der Eskalation der Anfeindungen gegen Israel und Jüdinnen und Juden weltweit eine Besonderheit. Diese Gelegenheit habe ich gerne genutzt, um eine Einschätzung zur Situation der jüdischen Gemeinden in Deutschland, aber auch zur jüdischen Sicht auf die verkorkste Politik Israels und die halbherzige internationale Unterstützung der Palästinenser zu geben. So lange es hier keinen einvernehmlichen Neuanfang zum Aufbau friedlicher Beziehungen im Nahen Osten gibt, ohne dass stereotype Verhaltensmuster und falsche Grundlagen den Prozess von Anfang an belasten, wird es keine zukunftsfähige Möglichkeit der Zusammenarbeit geben.“