75 Jahre Forschung und Lehre in Frieden und Freiheit

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  • 28.10.2020
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Zum Reformationstag macht sich die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel für die Forschungsfreiheit stark – ein Dreivierteljahrhundert nach der Wiederaufnahme des unabhängigen Lehrbetriebs am 31. Oktober 1945. Knapp zehn Jahre zuvor war der christlichen Werten verpflichtete Unterricht der Nazi-Herrschaft zum Opfer gefallen.

Die Kirchliche Hochschule Wuppertal, 1953.

Am 31. Oktober 1945 wagte die Kirchliche Hochschule (KiHo) in Wuppertal einen Neuanfang. Dem Festgottesdienst in der Unterbarmer Pauluskirche folgte an jenem Mittwochnachmittag die Eröffnungsfeier im Rotter Vereinshaus an der Rödigerstraße. „Es hat allerlei Mühe gekostet, in einer weithin zerstörten Stadt und unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen die Theologische Hochschule in Wuppertal, die vor zehn Jahren bei ihrem ersten Entstehen von den damaligen Machthabern sofort verboten wurde, wieder ins Leben zu rufen“, sagte der damalige Leiter Otto Schmitz. „Aber wir haben die Zuversicht, dass die noch bestehenden Schwierigkeiten Schritt für Schritt behoben werden.“ Trotz aller Probleme: Erstmals wurde in Freiheit und Frieden an der KiHo Theologie gelehrt und geforscht.

Im Widerstand gegen die Gleichschaltungspolitik der Nazis gegründet

Die Kirchliche Hochschule ist die älteste Hochschule in Wuppertal. Sie wurde 1935 von Mitgliedern der Bekennenden Kirche gegründet – aus Widerstand gegen die nationalsozialistische Gleichschaltungspolitik, die das totalitäre Führerprinzip mit aller Macht auch in den theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten durchsetzte. Getarnt als Abteilung B der Theologischen Schule versuchten daher einige Dozenten und Studierende im Logenhaus an der heutigen Kolpingstraße, einen unabhängigen Lehrbetrieb aufzubauen, der christlichen Werten verbunden blieb. Kurz vor Weihnachten 1936 aber verbot die Gestapo den Unterricht.

75 Studenten und zwei Studentinnen starteten ins Wintersemester 1945/46

Nach Kriegsende war die KiHo eine der ersten Hochschulen, die wieder öffneten. Bereits am 4. Juni 1945 trafen sich Vertreter der Bekennenden Kirche in der Villa Halstenbach in Wichlinghausen, darunter die Barmer Pfarrer Johannes Schlingensiepen und Harmannus Obendiek, um den Neuanfang zu planen. Knapp zwei Wochen später entschied sich das vorläufige Kuratorium für das Missionshaus auf der Hardt als Standort. Und nachdem am 18. Oktober die Genehmigung durch die Militärregierung erfolgte, starteten am 1. November 75 Studenten und zwei Studentinnen ins Wintersemester 1945/46.

Studentinnen und Studenten in der Mensa im Jahr 1953.

Lehre, Forschung, Gemeinschaft und Glaube auf dem Heiligen Berg

Seitdem hat sich die KiHo stark verändert. Während die Anfänge von Enge und Improvisation geprägt waren, entstand im Laufe der Jahre auf dem Heilligen Berg ein moderner Campus, der die vier Grundpfeiler Lehre, Forschung, Gemeinschaft und Glaube durch die kurzen Wege zwischen Hörsälen, Bibliothek, Wohnheimen und Kapelle auch baulich zusammenführt. In Kooperation mit dem Internationalen Evangelischen Tagungszentrum finden dort heute regelmäßig renommierte wissenschaftliche Tagungen statt. Und durch die Fusion der beiden Standorte Wuppertal und Bethel im Jahr 2007 rückte die Diakoniewissenschaft neben der Theologie zum zweiten Studienschwerpunkt auf.

Staatliche Unabhängigkeit ist Teil des Selbstverständnisses

Geblieben ist die Unabhängigkeit vom Staat. Bis heute befindet sich die KiHo allein in kirchlicher und diakonischer Trägerschaft. „Diese Unabhängigkeit ist Teil unseres Selbstverständnisses“, sagt Rektorin Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer. „Wir werden auch in Zukunft Orte brauchen, an denen theologische Forschungsfreiheit in Ergänzung zu den staatlichen Fakultäten kirchlich verantwortet und garantiert wird. Die Vielfalt der theologischen Forschungseinrichtungen ist kostbarer Ausdruck unserer demokratischen Verfassung. Dafür sind wir sehr dankbar, denn Forschungsfreiheit ist auch heute keineswegs selbstverständlich.“

Digitale Lehre zu Corona-Zeiten. Auf dem Laptop: Rektorin Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer. Foto: KiHo

Forschungsfreiheit: Universelles Recht und öffentliches Gut

Vor wenigen Tagen haben EU-Wissenschaftsminister und -ministerinnen die „Bonner Erklärung zur Forschungsfreiheit“ verabschiedet. Darin unterstreichen sie angesichts der gegensätzlichen Entwicklung in vielen Ländern die Bedeutung der Forschungsfreiheit als „universelles Recht“ und „öffentliches Gut“. Zudem verpflichten sie sich, den kritischen Diskurs zu schützen und Verletzungen der Forschungsfreiheit zu ächten.

Dankgottesdienst am 30. Oktober online

An der KiHo werden Lehrende und Studierende der Bedeutung einer unabhängigen Forschung und Lehre am Freitag, 30. Oktober, um 19 Uhr mit einem Dankgottesdienst gedenken. Sie lesen aus Texten über die Gründung der KiHo in Wuppertal während der Nazi-Diktatur, über den Neustart nach 1945 sowie die aktuellen Diskussionen um Forschungsfreiheit in Europa und weltweit. Zudem wird es Berichte aus erster Hand darüber geben, wie das Studium an der KiHo die Generationen verbindet. Interessierte wählen sich über folgenden Link ein.

  • KiHo Wuppertal/Bethel, Red.
  • Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland/Hans Lachmann